Stolz

Dies soll kein politisches Statement und kein faktenbasierter Text sein. Es ist nur eine Erkenntnis, die ich für mich gewonnen habe.

Umso mehr ich mich mit verschiedenen Kulturen auseinander setze, umso häufiger begegnet mir ein gewisser Stolz. Stolz auf die eigene Nationalität, ethnische Zugehörigkeit oder Religion. Anfangs hatte ich dafür noch Bewunderung, fand es toll, dass es in so vielen anderen Ländern ein Selbstbewusstsein gibt, dass sich auf solchen Zugehörigkeiten aufbaut, haben die Deutschen doch geschichtsbedingt zumindest eine gewisse Hemmung sich zum Nationalstolz zu bekennen.

Mittlerweile muss ich einsehen, dass diese Art von Stolz mir Angst einjagt. Und dass ich keinerlei Veranlagung zu Nationalstolz habe.

Natürlich genieße ich es in Deutschland zu leben, erfreue mich an all den Vorteilen, die es mit sich bringt, fühle mich der Deutschen Kultur, soweit sie denn existiert, zugehörig und kann mir durchaus vorstellen hier den Großteil meines Lebens zu verbringen.

Das liegt nun sicher nicht daran, dass ich stolz auf Deutschland bin, stolz auf meine ethnische Zugehörigkeit oder gar auf meine Religion. Ich hatte einfach nur Glück in ein Land geboren zu werden, in dem es sich mehr oder weniger gut Leben lässt.

Vielleicht ist es auch gar nicht verkehrt sich zu einer gewissen Nation, Ethnie oder Religion zugehörig zu fühlen. Man sollte darauf nur nicht sein Selbstbewusstsein aufbauen. Denn dieses schlägt nur allzu bald in Stolz um. Und sobald man einen Stolz auf etwas entwickelt, schafft das automatisch Grenzen und schließt andere aus.

Woraufhin es nur noch geschickte Manipulation braucht und ein paar Funken, um Abneigungen, Feindschaften, Konflikte und Krieg zu sähen.

Nehmen wir als Beispiel einmal die Balkanländer. Ich habe noch nie Menschen getroffen, die mir mehr über ihre ethnische Herkunft erzählen konnten als hier im Balkan und das auch voller Stolz und Überzeugung bei jeder Gelegenheit taten. Konflikte sind hier allgegenwärtig. Vielleicht nicht mehr sichtbar, aber doch noch tief verwurzelt. Sicher liegt das auch noch auch an den letzten Kriegen, aber diese ethnischen Konflikte schwelen schon länger unter der Oberfläche.

Mir macht diese Art Stolz Angst. Auch wenn ich in Deutschland zu Fußballzeiten wieder die Nationalflagge an jeder Ecke sehe, bekomme ich ein mulmiges Gefühl.

Ich kann einfach nicht verstehen, wie man auf etwas stolz sein kann, worauf man eigentlich gar keinen Einfluss hat. Wenn ich stolz bin, dann auf das was ich geleistet habe, auf meine eigenen Taten. Aber wie kann ich auf meine Herkunft stolz sein, wie auf die politischen und wirtschaftlichen Leistungen oder gar auf die Fußballmannschaft meines Landes?

Für mich ist das ein falscher Stolz.

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Traum(a)

In ihren Gesichtszügen kann man Geschichte lesen. Traurige Geschichte. Harte Geschichte. Geschichten voller Hass, Gewalt und Leid. Ihre Augen flackern unruhig durch den Raum, sind nicht in der Lage inne zu halten, zu ruhen, zu rasten. Immer weiter, handeln, helfen, egal ob mit oder ohne Mittel. Hauptsache etwas tun, um dem ganzen Leid etwas entgegensetzen zu können. Seine eigene Hilflosigkeit im Tatendrang ertränken.

Geschrei, Lachen, Tränen, Geburt und Tod. Alles nebeneinander. Weitergehen. Weitermachen. Bloß nicht zu Ruhe kommen. Nicht rasten. Nicht denken. Nicht inne halten. Helfen und Hilfe suchen und versuchen die Wunden der Zeit notdürftig mit der eigenen Ohnmacht zu füllen.

Leid, überall Leid. Und dann auf einmal eine Welt, in der das alles nicht zu existieren scheint.

Was ist nun Traum und was Wirklichkeit.

In welcher Welt lebt sie. In welcher Welt kann sie überleben ohne sich selbst zu verlieren.

Unerträgliches Leid oder pure Ignoranz.

Helft, schreit ihre Seele, helft oder wollt ihr dieses Leid nicht sehen.

Helft, denkt sie verzweifelt und ihre Augen flackern weiter unruhig durch den Raum.

Musik der Straße

Rauch schwebt in der Luft, kringelt sich und windet sich, trifft auf neuen Rauch und vepufft irgendwo im Nichts.

Draußen im Freien sitzen unzählige Menschen in Cafes, diskutieren über die aktuelle und vergangene Politik, erzählen sich den neuesten Klatsch und Tratsch.

In der einen Ecke tummeln sich die Männer, nicht wissend, was sie sonst mit ihrer Zeit anfangen können, ergötzen sie sich stundenlang an einem Kaffee mit ihren Kumpanen. In der anderen Ecke präsentiert eine Mutter ihren neusten Familienzuwachs ihren Freundinnen und auf der Straße stolzieren die schönen jungen Frauen auf und ab, um sich von den bewundernden Blicken der Männer umschmeicheln zu lassen.

Lautes Kindergeschrei tönt durch die Straßen, ein jeder Springbrunnen wird von ihnen belagert und mit elektrischen Miniaturausgaben der großen Autos machen sie den Fußgängern Beine.

An den Straßenecken umwerben die Ärmsten die Passanten mit ihrem Schicksal, während gegenüber spontan ein Sänger die Luft zum Schwingen bringt.v

Staring

Hey togehter, lets stare today.

Einmal bitte alle Rundungen auspacken und in unser Blickfeld strecken, denn heute sind wir in Starrlaune.

Wer könnte ihnen schön widerstehen, einem wohlgeformten Po, jugendlich anmutende feste Busen und ein wenig was zum anfassen an jeder vermeintlichen Kante.

Nunja und um dieses Bild unseres Ergötzens in unser Blickfeld zu bekommen sind wir auch bereit einiges zu tun.

Wir scheuen uns nicht, mit runtergelassenen Fenster im Schritttempo am Objekt der Begierde pfeifend vorbei zu fahren. „Hey Schatzi, willste nicht mitkommen“ , pflegen wir mit einem Zwinkern zu rufen.

Ist dieses Objekt in zu weiter in Entfernung betätigen wir auch gerne mal die Hupe, schließlich soll es ja auch mitkriegen, dass es von uns begehrt wird.

Ab und zu entgleitet uns auch die Kontrolle, dann können wir gar nicht mehr aufhören zu starren und vergessen alles um uns herum. Dann kann es auch schon einmal passieren, dass der gerade vollgeladene Einkaufswagen von der Bordsteinkante kippt oder dass das tiefergelegte Auto versehentlich in die Gegenspur driftet.

Und manchmal, wenn sich dies Rundungen förmlich in unser Blickfeld drängen, vergessen wir sogar unsere Kinder und Ehefrauen und genießen einfach nur den Anblick.

Gucken darf man ja wohl noch…

So lets go people, today I wanna stare.

Doppelt so bunt

Komm nimm meine Hand

lass die Sonne uns den Tag versüßen,

den Regen uns das Gesicht berieseln

lass die Vögel zu unserem Gelächter tanzen

und uns den Regenbogen glitzern sehen.

Komm nimm meine Hand,

lass uns die Welt erkunden,

lass uns staunen, lass uns sehen,

was wir zu träumen nie gewagt,

lass uns wandern, rasten, stehen,

und nur verschnaufen, um weiter zu gehen.

Komm nimm meine Hand,

denn gemeinsam ist alles doppelt so bunt.

Angelroutenlauf

Sie läuft. Immer weiter. Hat den See bereits mehrfach umrundet und kann sich doch nicht entschließen, stehen zu bleiben. Überall hat sie ihre Angelrouten aufgestellt. Anfangs war es nur eine. Eine einzelne, neben der sie stundenlang saß und auf ein Ereignis gewartet hat. Voller Geduld und Zuversicht hatte sie am Seeufer ausgeharrt, hatte die leichten Wasserbewegungen wahrgenommen und die sich an der Seeoberfläche spiegelnden Bäume betrachtet. Es war fast eine Art Meditation, die in wahre Euphorie umschwang als der erste Fisch sich in ihrer Angelroute verfing. Voller Stolz zog sie ihn ans Land und studierte ihn eingehend. Ehrfurcht erfasste sie vor so viel Schönheit in einem Lebewesen und dieses Gefühl wollte sie teilen. Sie ging zu anderen Anglern und präsentierte ihren Fund, im festen Glauben, dass auch sie die Schönheit des Fisches sehen würden.
Sie belächelten das Mädchen nur und zeigten ihr stattdessen ihre eigenen Fänge, die ihrem Fisch an Schönheit und Größe bei Weitem überlegen waren.
Und auf einmal hatte ihr Fisch allen Glanz verloren, die Ehrfurcht war dahin, Schamesröte stieg ihr ins Gesicht und das Verlangen stieg in ihr hoch, ebensolche Fänge zu tätigen, die allen anderen Bewunderung entlocken würden.
Sie warf ihre Angelroute erneut ins Wasser. Stellte weitere auf. Immer mehr. Bis der See über und über gesprenkelt war mit ihren Routen, ihren Fangversuchen. Immer mehr Fische bissen an. Immer größere. Schöne Fische, sagten die anderen Angler.
Aber diese Ansicht teilt sie nicht mehr. Immer schwingt bei ihr die Hoffnung mit, einen noch schöneren, noch besseren Fisch zu fangen. Sie will kein Mittelmaß, will sich nicht mit etwas begnügen, wenn sie noch die Chance auf das Beste hat. Aber sie kann sich auch nicht gegen die Fische entscheiden. Vielleicht ist der eine gerade an der Leine doch der Beste. Und so lässt sie ihn hängen, kann sich nicht trennen von ihren Fängen, lässt sie zappeln und rennt verzweifelt auf der Suche nach dem Großen um den See. Während langsam alle Fische im See ihren Glanz verlieren.

Abseits (3)

Unaufhaltsam hat die Sonne wieder einmal ihren Zenit überquert und nun droht ihm die Dämmerung mit der nahenden Dunkelheit. In der ihm eigenen inneren Ruhe und Gemächlichkeit beginnt er seine Sachen einzupacken. Viel ist es nicht, was er einpacken muss und wichtig ist ihm eigentlich nichts davon. Lediglich die Gewohnheit macht es, dass er nicht auf diese Dinge verzichten will, erleichtern sie den Alltag doch ungemein. Eine Schüssel hat er, auf die er besonders stolz ist. Die hat ihm ein Freund von einer seiner Reisen in die Ferne mitgebracht. Dabei ist es nicht die Schüssel, die ihm am Herzen liegt, sondern vielmehr die Geste. Und die erlebten Geschichten, die der Freund ihm berichtet hat. Auch er selbst ist ein Reisender, ein Gedankenreisender. Es vergehen Stunde, manchmal sogar Tage, an denen er einfach nur die Gedanken treiben lässt und aus der Ferne vollkommen apathisch zu sein scheint. Der genaue Beobachter würde dabei ein kleines, sich kräuselndes Lächeln im Mundwinkeln entdecken können, da ihn die Träumerei wahre Glücksmomente durchleben lässt. Diese Art der Reise ist ihm die einzig vergönnte und ohne Bitternis hat er sich nun ihr allein ganz und gar hingegeben.

Wenn er nicht träumt, dann beobachtet er. Die Passanten, die vorüber rasen, gehen oder fahren und ihn meistens mit niedergeschlagenen Augen zu ignorieren versuchen. Nicht wegen ihm, dass hat er schon lange erkannt. Um ihn geht es dabei nicht. Er ist nur ein Mensch, der am Wegrand sitzt. Aber als ein solcher Mensch abseits der Norm scheint er eine unglaubliche Macht auszuüben. Allein mit seiner Präsenz fühlen sich die Menschen an ihre eigene Unzulänglichkeit erinnert, daran, dass sie nicht in der Lage sind, stehen zu bleiben und mit ihm ein Gespräch anzufangen und nach den Gründen seines derartigen Daseins zu fragen. Sie fühlen sich daran erinnert, dass sie sich nicht trauen, an ihn heranzutreten und ihm ein wenig von ihrer raren Zeit zu spenden. Und wenn das Gewissen zu groß wird dann kommt ab und an Jemand mit einem großen Schein vorbei und glaubt damit die verlorengegangene Zeit zu übertrumpfen. Zeit, die sie schon längst nicht mehr haben und er zu Genüge besitzt. Nur teilen lässt sie sich auf diese Weise nicht. Mit einem letzten festen Zug schnürt er das Band seines Rucksacks zu, schultert ihn sich auf den Rücken und macht sich auf dem Weg zu seinem gewohnten Schlafplatz, der ihm eine weitere Nacht versüßen wird.

Abseits (2)

Der Bildschirm flimmert, die Uhr läuft. Bald wahnsinnig vor Zeitdruck hämmert sie wild auf der Tastatur herum, als könnte die gesteigerte Kraft der fortlaufenden Zeit entgegenwirken. Zwei Stunden täglich sind ein zu kleines Zeitfenster, als dass es sie aus ihrer Versenkung befreien könnte. Vor einer geraumen Zeit, wie lange konnte sie bereits nicht mehr sagen, hatte sie sich diese Art von Leben nicht einmal erträumen können. Damals hatte sie noch auf der anderen Seite des Fensters gesessen, geflissentlich Bücher gewälzt und sich eine passable Zukunft ausgemalt. Es lief auch alles gut, sogar mehr als gut und das hätte ihr wahrscheinlich zu denken geben sollen. Aber andererseits, wer wagt schon an dem ihm holden Glück zu Zweifeln? Und so ist sie blindlings mit offen Armen in ihren eigenen Abgrund gerannt, den sie sich selbst mühsam erbaut hat. Die Fallhöhe war allein von ihr bestimmt. Vielleicht hätte sie nicht versuchen sollen, die Leiter zu erklimmen, hätte sich einfach mit ihrem damaligen Dasein begnügen sollen, dann wäre ein solcher Absturz nicht möglich gewesen, dann wäre es wenn überhaupt ein kleines Stolpern geworden. Verärgert schiebt sie diese Gedanken beiseite. Darüber konnte sie sich später weiter grämen, in den anderen 22 Stunden, die der Tag zu bieten hatte, nur nicht jetzt in der ihr so kostbaren Zeit.

Es hatte lange gedauert bis sie sich überhaupt dieses Zeitfenster erkämpft hatte. Niemand hatte sie mehr wahrgenommen. Auf einmal wurde sie allein auf ihr Aussehen degradiert. Die zu groß anmutenden Anziehsachen, die mühselig selbstgeschnittene Kurzhaarfrisur, die glänzende Haut. Sicherlich war sie nicht mehr schön anzusehen, dennoch gab sie sich größte Mühe nicht vollkommen zu verwahrlosen, auch wenn dies den Schein nicht wahren konnte. Ohne Glamour konnte sie in dieser Welt nicht bestehen. Irgendwann fand sie ein offenes Ohr, es hörte sich jemand ihre Geschichte an und willigte ein, sie abends in der Bibliothek gewähren zu lassen. Möglichst spät, damit der laufende Betrieb nicht gestört würde.

Seitdem ist sie täglich hier anzutreffen, und gehört schon fast zum Inventar. Pünktlich auf die Minute tritt sie durch die Tür, ohne jemanden zu Grüßen, da ihr sowieso niemand Beachtung schenkt, läuft zielgerichtet auf einen Computer zu und beginnt im Eiltempo gegen ihr Verderben anzuhämmern. Ob es ihr eines Tages gelingen wird, sich zu befreien, das weiß sie nicht, allerdings sind das auch Gedanken, die zu denken sie sich untersagt hat.

Abseits (1)

Einsam steht ein Mann auf einer schlecht beleuchteten Brücke in einer Menge aus eilig vorbeilaufenden Menschen. Etwas verloren blickt er um sich. Er scheint nicht recht zu wissen wohin er gehen soll. Vielleicht weiß er auch schon längst nicht mehr woher er kam. Verwirrt ist er. Seit Monaten ist dies eine Art Dauerzustand. Und heute Nacht hat er seine letzte Orientierung verloren. Er kam in dies Land und hoffte auf eine bessere Zukunft. Er tat alles, um seinen Traum zu erreichen. Im Vergleich zu vielen Anderen scheiterte er nicht bereits am Asylantrag, sondern durfte bleiben. Durfte sich weiter bilden. Er lernte mühsam die Landessprache. Lernte viele Wörter und Sätze, um ordnungsgemäß kommunizieren zu können. Erpicht darauf sein Wissen anzuwenden, stürzte er sich in die Massen. Und scheiterte. Er scheiterte nicht an der Sprache. Er scheiterte an seinem Aussehen. An dem Verschlossenheit der Menschen. An ihrer Angst vor etwas Unbekannten, Neuem. Kaum einmal Jemand, der sich mit ihm auf ein Gespräch einließ, und selbst bei diesen Wenigen schwang meistens das Misstrauen in jedem Wort. Einer unter Vielen ist er, einer allein in der Einsamkeit.

Vollkommen orientierungslos greift er in seine Hosentasche und kramt 10 Euro hervor. 10 Euro für den Rest der Nacht. Damit könnte er sich betrinken, könnte die Einsamkeit runterspülen und darauf vertrauen, dass der nächste Tag ihn aus der Einsamkeit heraus führt. Nur  der nächste Tag scheint im Moment unerreichbar. Jeder weitere Moment allein fühlt sich an wie ein weiterer Messerstich mitten ins Herz. Kann man sich mit Geld nicht alles kaufen? Ob 10 Euro ausreichen, um ihm in paar Minuten Hoffnung zu schenken?

Langsam nähert er sich einem Passanten auf der Brücke, hält die 10 Euro sichtbar in der ausgestreckten Hand, wie einen Köder mit dem es Menschen zu fangen gilt. Der Passant weicht ihm aus, will sich nicht aufhalten lassen. „Ich habe 10 Euro, wollen sie mit mir reden?“, ruft er ihm leise hinterher. „Ich will nur reden, sie brauchen keine Angst zu haben. 10 Minuten, 10 Euro. Nur ganz kurz. Sehen sie hier, meine Frau und mein Sohn? Die mussten zurück in die Heimat. Und ich bin hier, aber niemand redet mit mir. 10 Minuten? Wir können uns da drüben auf eine Bank setzten und ein bisschen reden? Ein paar Minuten schaden ihnen nicht. Ich kann von meiner Heimat erzählen und sie erzählen von ihrem Leben?“ Er hält das Geld fest zusammengeknüllt in der Hand und redet. Die Worte verhallen ungehört in der Luft. Denn der Passant ist schon längst weitergegangen, hat seinem leisen Hilferuf keine Beachtung geschenkt. Viele Menschen überqueren die Brücke und keiner achtet auf den einsamen Menschen in ihrer Mitte.

Hallo Unbekannter

Hallo Unbekannter. Lass uns ein Tänzchen tanzen auf der weiten Fläche, die vor uns liegt. Nimm meine Hand und dann stürme ich im Laufschritt voraus in unsere Welt, in einst meine Welt, in die du mir nun folgen darfst. Meine Schätze breite ich vor dir aus und mein Innerstes darfst du entdecken. Mit etwas Muße kannst du eine ungefärbte Stelle finden und sie nach deinem gutdüngen bunt gestalten. Nur bunt muss es sein, denn schwarz ertrage ich nicht. Lodern muss es und strahlen und mir zeitlebens als Erinnerung dienen an unsere gemeinsame Zeit. An eine Zeit, die wir erspinnen können wie es uns gefällt, in der die Welt eine andere zu werden scheint und doch in denselben Grenzen gefangen bleibt. Und bis wir dies erkennen, können wir sie genießen, unsere gemeinsame Zeit, können einander in den Armen halten und voller Lachen die Grenzen zu sprengen versuchen. Wenn die Grenzen uns wieder einzuholen drohen, dann sei mir nicht böse, aber dann werde ich mich von deiner Last befreien. Ich werde dich ausstoßen aus meiner Welt, die nie ganz die deine war und weiter allein im Sturm voranschreiten. Die Grenzen sie ängstigen mich und ich bin lieber frei als gefangen in deinen Armen. Doch jetzt ist der Zeitpunkt in weiter Ferne, und du bist ein Unbekannter auf dem Weg zu mir. Nimm meine Hand und lass uns nicht an die Zukunft denken, die in voller Ungewissheit die Gegenwart zu zerstören droht.